„Tiefe Stunde“

1. September 2026

„Nehmen Sie sich jeden Tag 15 bis 30 Minuten, um innezuhalten und dort anzukommen, wo Sie gerade sind. Beobachten Sie einmal ganz bewusst Ihre Umgebung und Ihre Mitmenschen. Schärfen Sie Ihre Sinne und tauchen Sie tief in die Situation ein. Nehmen Sie genau wahr, was Sie sehen und hören.“

So beschreibt der Neurologe und Psychiater Volker Busch in seinem Buch „Kopf frei“ die Empfehlung der „tiefen Stunde“. Diese Übung hilft uns ganz im Hier und Jetzt zu sein, aufmerksam und präsent und so unsere Wahrnehmung zu schärfen. Wir nehmen die Welt um uns ganz bewusst wahr, wir wählen aus, worauf wir uns konzentrieren. Volker Busch spricht von „selektiver Wahrnehmung“, die wie „Gehirndoping“ wirkt und unsere Erinnerung an diese Situation stärkt und verbessert. Wir erinnern uns genauer an alles, was wir gesehen und gehört haben und schulen so unser Gedächtnis.
Wir sehen nicht weniger, wenn wir auswählen, sondern mehr, weil wir tiefer eintauchen in die Situation und Dinge wahrnehmen, die uns sonst nicht aufgefallen wären. Dadurch erweitern wir unseren „inneren Horizont“, auch wenn wir uns äußerlich scheinbar einschränken.
Diese „tiefe Stunde“ können Sie überall üben, wo Sie sind lässt sie sich praktizieren. Ganz sicher verbessern Sie dadurch Ihre Wahrnehmung, Ihre Erinnerung und Ihr Gedächtnis. Es ist eine einfache Übung, aber zugleich ist es eine schwierige Herausforderung, sich in dieser „tiefen Stunde“ nicht stören zu lassen, obwohl sie nicht einmal eine ganze Stunde, sondern nur 15 bis 30 Minuten dauert. Schauen Sie nicht kurz auf Ihr Handy, machen Sie nicht schnell ein Foto, weil Sie gerade so ein schönes Bild vor Augen haben. Sammeln Sie die Eindrücke vor Ihrem inneren Auge und in Ihrem Herzen. Bleiben Sie ganz präsent, betrachten Sie ihre Umwelt, verzichten Sie auf Störungen und genießen Sie die „tiefe Stunde“. So wird Ihr Herz und Ihr Kopf frei.

Ich denke beim Schreiben dieser Zeilen an das Kinderbuch Frederik von Leo Lionni mit der Maus Frederik. Vielleicht kennen Sie es. Während alle Mäuse fleißig Vorräte für den Winter sammeln, sitzt Frederik da und betrachtet die Welt um sich herum. „Was machst du da?“, fragen ihn die tüchtigen Mäuse. „Ich sammle Sonnenstrahlen und Farben“, antwortet Frederik. Sein Verhalten ärgert die Mäuse, sie halten es für unnütz, schließlich kann man Farben nicht essen. Dass Farben und die Erinnerung an Sonnenstrahlen und Herbstfreuden Nahrung für die Seele sind und in dunklen Wintertagen Hoffung stärken, erleben sie erst, als Frederik von seinen gesammelten bunten Tagen erzählt, nachdem die Nahrung knapp wird und die Verzweiflung wächst. Was Frederik in seinen „tiefen Stunden“ gesammelt hatte, war für alle nahrhaft und stärkend.

Gönnen Sie sich täglich eine „tiefe Stunde“!

Sind Sie in dieser Zeit ganz achtsam und konzentriert für Ihre Umwelt und die Situation!

Nehmen Sie genau wahr, was Sie sehen und hören!

Sammeln Sie „Sonnenstrahlen“!

Entdecken Sie die Freude der bewußten Wahrnehmung, die in unserer Zeit der Reizüberflutung leicht verlorengeht!

Stärken Sie so Ihre Erinnerung und freuen sich daran!